Archiv für den Monat: April 2014

Raffen, Horten, Betrügen: Eine Katze namens Gier

Sibylle_Berg_by_Katharina_Lütscher

Sibylle Berg: Autorin mit scharfem Verstand und scharfer Feder.

aus: Spiegel Online vom 6. April 2014

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Was bringt uns dazu, Geld, Immobilien und Kunst zu raffen? Vielleicht ist es die reine Gier – möglicherweise aber auch einfach die Angst vor dem Tod.

Cornelius Gurlitt, mein Archetyp des Grauens. Von Verwahrlosung und Messihaushalt berichteten die Medien, meine Vorstellung legt ein trübes Licht auf den Herren. Der auf seinem zusammenge… – sagen wir bis zur Abklärung aller Tatsachen – -geklaubten Bilderhaufen hockt. Wie Bulemann in seinem vergammelnden Haus, einsam und gebückt und hoffentlich verzweifelt herumtapsend, Leinwände benestelnd. Das passiert, liebe Menschen, wenn ihr das Wissen um euer Ende nicht in etwas Erfreuliches transformieren könnt.

Gier, ihr Deppen, ist obszön und lächerlich. Es wird doch nicht angenehmer, wenn ihr all die zusammengerafften Waren, die Barren, die hinterzogenen Steuern mit in die Kiste nehmt. Merkt ihr das nicht? (Stimme wird laut, schwarze Flügel öffnen sich:) Merkt ihr nicht, wie albern es ist, gegen die Angst anzusammeln? Es hilft doch alles nichts.

Ich weiß, wie es dazu kam. Irgendwann seid ihr aufgewacht und wart nicht mehr jung. Was ja so egal wäre, denn jung sein heißt doch nur ausgeliefert zu sein. Seiner Blödheit, seinen Hormonen, Erziehungsberechtigten und Lehrern, Ausbildern, der Welt – egal. Ihr spürtet so eine Wehmut, nicht wahr? Herzlichen Glückwunsch, die Zeit des Lebens, in der man das Ende riecht, hat begonnen. Jeden Tag überschlagt ihr einmal die Jahre, die euch noch bleiben, wenn nichts dazwischenkommt. Wie viele sind es? 20? Bevor ihr wirklich nicht mehr als gut gehalten durchgeht? 20 Jahre. Eine Unendlichkeit, wenn man unter 30 ist. Mit 50 geht die Rechnung anders.

Das verblödete Kind bekommt den Rest

Der dauernde Herbst, von dem man träumt, das Rasen der Zeit, und immer ist Donnerstag. Das erzeugt eine Panik, nicht wahr? Die Welt wird weiterbestehen, euer Haus, der Park, die Stadt – nur ohne euch. Mit ein wenig Verstand beginnt der Melancholische jetzt zu arbeiten. Die Welt retten, die Memoiren schreiben, ein Kind zeugen. Oh – das vielleicht nicht, seit erwiesen wurde, dass Kinder alter Väter nicht zwingend die besten Chancen auf prächtige Gene haben: Der Idiot beginnt zu raffen. Er hat verstanden, dass er allein ist, ihm keiner helfen wird, es egal ist, ob man so etwas Albernes wie Moral besitzt oder nicht.

Der Mensch sammelt. Geld. In den meisten Fällen. Werte in Form von Immobilien, Firmen oder auch Kunst. Ich sammle Kunst. Klingt ja noch ein bisschen cooler als: Ich sammle Firmen, die bankrott sind. Nachts, wenn es einsam wird, streicht der Sammler mit feuchten Tüchern über seine Schätze. Hoho, es sind jetzt 24 Milliarden. Die werde ich nicht ausgeben können, ich spende lustlos eine Million an irgendwen. Mein verblödetes Kind bekommt vielleicht den Rest, aber erst nach meinem Ableben, das ich mit der Anhäufung des ganzen Mistes um mindestens keinen Tag verzögert habe.

Aus mir spricht kein Neid. Neidisch sind wir ja immer auf die falschen. Ein paar Schauspieler oder Moderatoren, die ein scheinbar tolles Leben haben. Die Gesichter von Gurlitt und Ingvar Kamprad kennt doch keiner. Gier, der kleine Wurmfortsatz der Dummheit, bringt Leute, die über ein Vermögen verfügen, das sie nie werden ausgeben können, dazu, Steuern zu hinterziehen. Um noch ein paar Millionen mehr zu haben, die sie nicht ausgeben können. Bringt sie zum Raffen, Horten, Betrügen, dazu, die Welt aufzukaufen und Gift zu verklappen.

Dieser kleine Text ändert nichts. Die Reflexe des Menschen zu horten werden nicht verschwinden durch ihn, die Gefräßigkeit, die wir alle in uns tragen und die bei einigen degenerierte Züge trägt, wird sich weiter in die Welt fressen, als wäre sie ein Kuchen. Wir können nur auf die Gentechnik hoffen, die in einer Zukunft diesen gehörigen Dachschaden zu verhindern weiß. Wir können nur daran denken, wie sie nachts in Bulemanns Haus liegen, zitternd, wo die Riesenkatzen mit Namen Angst und Gier herumspringen.

URL:

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-kolumne-ueber-gurlitt-und-kunstsammler-a-962522.html