der luxus der zukunft von 1996 ist der luxus der gegenwart (2013)

Luxus_2013

was ist luxus heute? der schriftsteller hans magnus enzensberger schrieb im dezember 1996 für den spiegel einen essay über den luxus der zukunft. damals hatte ich den starken endruck, dass der schriftsteller die herausforderungen, zumutungen und lockungen der zukunft präzise prognostizieren könnte. heute weiß ich, wie recht er hatte und hat.

enzensberger schrieb: “. . . . der luxus der zukunft verabschiedet sich vom überflüssigen und strebt nach dem notwendigen, von dem zu befürchten ist, daß es nur noch den wenigsten zu gebote stehen wird. das, worauf es ankommt, hat kein duty free shop zu bieten:

1. die zeit. sie ist das wichtigste aller luxusgüter. bizarrerweise sind es gerade die funktionseliten, die über ihre eigene lebenszeit am wenigsten frei verfügen können. . . . unter solchen bedingungen lebt luxuriös, wer stets zeit hat, aber nur für das, womit er sich beschäftigen will, und wer selber darüber entscheiden kann, was er mit seiner zeit tut, wieviel er tut, wann und wo er es tut.

2. die aufmerksamkeit. auch sie ist ein knappes gut, um dessen verteilung sämtliche medien erbittert kämpfen. im gerangel von geld und politik, sport und kunst, technik und werbung bleibt wenig von ihr übrig. nur wer sich diesen zumutungen entzieht und das rauschen der kanäle abschaltet, kann selbst darüber entscheiden, was aufmerksamkeit verdient und was nicht. unter dem trommelfeuer arbiträrer informationen nehmen unsere sinnlichen und kognitiven fähigkeiten ab; sie wachsen mit der reduktion auf das und nur das, was wir selber sehen, hören, fühlen und wissen wollen. auch darin kann man ein moment von luxus sehen.

3. der raum. was für die ökonomie der zeit der terminkalender, ist für die des raumes der stau. im übertragenen sinn ist er allgegenwärtig. steigende mieten, wohnungsnot, überfüllte verkehrsmittel, gedrängel in den fußgängerzonen, freibädern, diskotheken, touristenzonen zeigen eine verdichtung der lebensverhältnisse an, die an freiheitsberaubung grenzt. wer sich dieser käfighaltung entziehen kann, lebt luxuriös. dazu gehört auch die bereitschaft, sich aus dem warenberg freizuschaufeln. meist ist die ohnehin viel zu kleine wohnung mit möbeln, geräten, nippes und klamotten verbarrikadiert. was fehlt, ist jener überfluß an platz, der die freie bewegung überhaupt erst möglich macht. heute wirkt ein zimmer luxuriös, wenn es leer ist.

4. die ruhe.  auch sie ist ein grundbedürfnis, das immer schwerer zu stillen ist. wer den allgegenwärtigen krach vermeiden will, muß einen hohen aufwand treiben. . . .  der tobende verkehr, das heulen der sirenen, das knattern der hubschrauber, die dröhnende stereoanlage des nachbarn, die monatelang wummernden straßenfeste – luxus genießt, wer sich alledem entziehen kann.

5. die umwelt. daß man die luft atmen und das wasser trinken kann, daß es nicht qualmt und nicht stinkt, ist bekanntermaßen keine selbstverständlichkeit, sondern ein privileg, an dem immer weniger menschen teilhaben. wer sie nicht selbst erzeugt, muß lebensmittel, die nicht vergiftet sind, teuer bezahlen. den risiken für leib und leben am arbeitsplatz, im verkehr und im gemeingefährlichen freizeitrummel aus dem weg zu gehen dürfte den meisten schwerfallen. auch in dieser hinsicht sind es die möglichkeiten des rückzugs, die immer knapper werden.

6. die sicherheit. sie ist wahrscheinlich das prekärste aller luxusgüter. in dem maß, in dem der staat sie nicht mehr garantieren kann, steigt die private nachfrage und treibt die preise in die höhe . . . .

alles in allem laufen diese mutmaßungen auf eine kehrtwendung hinaus, die reich an ironien ist. wenn sie etwas für sich haben, dann liegt die zukunft des luxus nicht wie bisher in der vermehrung, sondern in der verminderung, nicht in der anhäufung, sondern in der vermeidung. der überfluß tritt in ein neues stadium ein, indem er sich negiert. die antwort auf das paradox wäre dann ein weiteres paradox: minimalismus und verzicht könnten sich als ebenso selten, aufwendig und begehrt erweisen wie einst die ostentative verschwendung.”

der essay von hans magnus enzensberger kann hier in voller länge nachgelesen werden.

 

 

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