Wir treiben die Luxuria zu weit

aus: DIE ZEIT vom 28. März 2014Wer braucht das schon alles?

VON ULRICH GREINER

Ein Tante-Emma-Laden nur mit dem Nötigsten tut’s heute nicht mehr, der Überfluss kennt keine Grenzen. Der Luxus darf nicht zu weit gehen, während andere hungern.

Unter dem Titel “Freie und Delikatessenstadt Hamburg” berichtet das Hamburger Abendblatt von der Feinkostmode, die immer apartere Blüten treibt. Hummer tötet man nicht mehr in kochendem Wasser, sondern mit einem Überdruckverfahren. Das Fleisch bleibt folglich roh, und man kann Carpaccio daraus machen, worauf die Welt ja lange hat warten müssen. 

Wer sich noch an die alten Läden erinnert, der weiß, dass man dort zwischen vier oder fünf Sorten Wurst und ein paar Käsevariationen wählen konnte, zwischen Weißbrot und Schwarzbrot, saurer und süßer Sahne und noch ein paar anderen Lebensmitteln. Mehr brauchte (und braucht) man letztlich nicht.

 

In den gigantischen Carrefour-Märkten ist allein die Käsetheke größer als der Tante-Emma-Laden von einst, und entscheidungsschwache Kunden können dort leicht verhungern.

 

“Man versehe mich mit Luxus, auf alles Notwendige kann ich verzichten”, hat Oscar Wilde gesagt. In den begüterten Regionen der Welt ist der Begriff des Notwendigen, also jener Dinge, die die Not wenden, insofern gegenstandslos geworden als dort der reine und allmählich absurd werdende Überfluss herrscht.

 

Es gibt inzwischen zahllose Überflussexperten, die uns in Hochglanzmagazinen vorführen, wie sich der Luxus noch weiter steigern lässt. Die Luxuria war in der alten christlichen Welt eine Todsünde. Davon werden die Wohlhabenden nicht mehr geplagt.

 

Eine Sättigung im wirklichen oder im übertragenen Sinn scheint es nicht zu geben. Der Anthropologe René Girard spricht vom “mimetischen Begehren”. Wir kennen es vom Kind in der Sandkiste, das auf den Bagger des Kameraden neidisch ist und ruft: “Will ich auch haben!”

 

Dieser infantile Wunsch ist der Motor des Konsumismus und des Wachstums. So lange es ihn gibt, ist das “Nullwachstum”, das von kritischen Zeitgenossen gefordert wird, vermutlich nicht machbar.

 

Eine der reichsten Städte der Antike war Sybaris am Golf von Tarent. Über den Hang der Sybariten zu Luxus und Völlerei berichten zeitgenössische Anekdoten. Der einzig nennenswerte Beitrag der Stadt zur Kulturgeschichte scheint die Erfindung der Badewanne gewesen zu sein. Wollen wir hoffen, dass von Hamburg mehr bleibt als die Erfindung des Hummer-Carpaccio.

 

Nach rund 200 Jahren der Fettlebe gab es in Sybaris eine Revolte (um 510 v. Chr.) und die reichen Bürger wurden aus der Stadt gejagt. Es kam zu einem Krieg, an dessen Ende von Sybaris nichts mehr blieb.

 

Historische Vergleiche führen nicht weit. Aber wer imstande ist, seinen Blick auf die Elendsquartiere zu richten, von denen es auch in unseren Breiten nicht wenige gibt, wer die leeren Häuser dort sieht, die aufgelassenen Fabriken, die verwahrlosten Kinder, dem kommt der Luxuswahn mindestens gespenstisch vor. Und schon gar nicht darf er an die rund neun Millionen Menschen auf dieser Erde denken, die Jahr für Jahr an Hunger sterben.

 

Solche Gedanken haben noch selten jemandem den Appetit verdorben. Jenseits aller Moral wäre es jedoch ein Gebot der Klugheit, die Luxuria nicht zu weit zu treiben und dafür zu sorgen, dass der Abgrund zwischen unten und oben nicht allzu tief wird.

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